Merle-Gen
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MERLE-GEN
Co-Dominanz des blue-merle-Gens
Das blue-merle-Gen ist co-dominant. Co-dominant unterscheidet sich von dominant insofern, dass das merle-Gen nur an einen Teil der Nachkommen weitergegeben wird. Im Gegensatz zu rezessiven Erbgängen erkennt man schon am Phänotyp, ob ein Tier merle ist.
In einfachen Worten: Co-dominant ist wie schwanger - entweder man ist es und dann sieht man es - oder eben nicht. Ein bisschen schwanger geht nicht. Daher erklärt es sich von selbst, dass ein Teil der Welpen die typisch dominante schwarz-weiße Färbung aufweißt (und daher das merle-gen nicht tragen kann), und der andere teil merle-farbig ist.
Folgen einer merle-Verpaarung
Über die möglichen Folgen einer merle-Verpaarung muss eingehender informiert werden: Quellen und Berichte im Internet geben leider nur unvollständige und oft auch falsche Schilderungen wieder.
Es gibt nach aktuellem Kenntnisstand eine einzige offizielle, wissenschaftliche Studie über die gesundheitlichen Auswirkungen von merle-Verpaarungen. Die Ergebnisse daraus sind bekannt und werden im Internet vielfach wiedergegeben. Allerdings wäre es für eine sachliche Beurteilung der Studie durchaus sinnvoll, nicht nur die Ergebnisse dieser Studie zu veröffentlichen, sondern auch deren Untersuchungsmethoden und besondere Rahmenbedingungen:
(1) Die Studie wurde mit Dackeln beziehungsweise Teckeln vorgenommen, was zuallererst einmal aus evolutionsgenetischer Sicht eine 100%tige Übertragung der Ergebnisse von Dackeln auf ALLE übrigen Hunderassen bedenklich macht. Es existieren erhebliche Unterschiede zwischen dem Genpool einer jeweiligen Rasse zu einer anderen Rasse:
Je nachdem wie
- weit diese Rassen von ihrer Ursprungsform dem Wolf entfernt sind;
- stark bei der Selektion auf die allgemeine Konstitution der Tiere Rücksicht genommen wurde (Arbeitsrasse versus "Schoßhund")
sind diese mal mehr oder mal weniger anfällig für erbgenetische Defekte.
(2) In der Studie wird offen dokumentiert, dass mit den Versuchstieren über mehrere Generationen hinweg starke Inzucht betrieben wurde. Es ist allerdings von mehreren Hunderassen bekannt, das durch vermehrte Inzucht beziehungsweise Linienzucht bestimmte Blutslinien anfälliger für Krankheiten sind als andere. Der Border Collie ist davon nicht ausgenommen, und so finden sich in gewissen Border-Collie-Linien unter anderem vermehrte Fälle von
Letzere trat unter anderem auch bei den Nachkommen des Experimentes in der Studie auf.
Tiefergehende Bewertung der Studienergebnisse anhand der unter (1) und (2) genannten Rahmenbedingungen:
Es ist heutzutage leider kaum noch nachvollziehbar, in wie weit und in welchem Ausmaß wie Schädigungen der Welpen auf das merle-Gen und welche auf vermehrte Inzucht zurückzuführen sind.
Die gesamte Palette der Beeinträchtigungen der Jungtiere wie
- verminderte Höhrfähigkeit bis hin zur Taubheit,
- verminderte Sehfähigkeit bis hin zur Blindheit,
- verminderte Fruchtbarkeit bis hin zur Sterilität,
- verminderte Lebensfreude (Vitalität) oder
- vermehrte Welpensterblichkeit
kann sowohl auf das doppelte merle-Gen an sich als auch auf Inzuchtschwäche beziehungsweise starke Inzuchtschäden zutreffen, da diese Palette bei allen inzuchtgeschädigten Tierarten vorgefunden werde kann. Auch das doppelte merle-Gen als Verursacher nicht ausgeschlossen werden.
Weiterführende, klärende Studien hat es bis zum heutigem Tage unglücklicherweise keine mehr gegeben, sodass vieles nach wie vor im Unklaren bleibt.
Einen eindeutigen und stichhaltigen Beweis darauf, dass merle-Hunde mit lediglich einer Kopie des Gens im allgemeinen krankheitsanfälliger sind beziehungsweise ihre Sterberate höher wäre, konnte bis zum heutigen Tage nicht erbracht werden und ist sowohl aus medizinischer als auch aus genetischer Sicht unhaltbar!
Leider wird in vielen online-Artikeln gar nicht erst zwischen (einfachen) merles und double-merles, also zwischen Tieren mit einer beziehungsweise mit zwei Kopien des Gens) unterschieden. Folge: der interessierte Leser gewinnt häufig einen falschen Eindruck oder es wird im Extremfalle mit unsachlichen Artikeln wissentlich Panik geschürt wird.
Konsequenzen für die Zucht
Zuchtverbot für "doppelte" merles
Fakt ist und bleibt, dass aufgrund der oben besagten Studie nach Bekanntwerden der Ergebnisse offiziell beschlossen wurde, die Verpaarungen von merle x merle aus Sicherheitsgründen nicht weiter zu gestatten. Die Einschränkung im Standard "merle x merle" ("double-merle" ) erklärt sich aus der merle-Studie von selbst. Die aus einer solchen Verpaarung resultierenden reinerbigen "double-merles" gibt es demzufolge heutzutage unter den registrieren Rassezüchtern / Rassehunden nicht mehr.
Zuchteinschränkung für merle x zobel
Die Einschränkung "merle x zobel" rührt daher, dass zobel dominat über merle ist. Bei einer solchen Verpaarung könnte es theoretisch passieren, dass die Jungtiere zobel gefärbt sind, aber dennoch ebenfalls merle sind, und man dies dann nicht erkennen könnte. Würde ein solch unerkannter "Phantom-Merle" mit einem merle verpaart, wären unerwünschte double-merle-Welpen die Folge.
Zuchterlaubnis für "einfache merles"
Die Zucht von Merles, welche das Gen nur einfach tragen, ist demnach nach wie vor laut Standard in vielen Rassen erlaubt und erwünscht.
Zucht mit "einfachen" merles wird (wie die mit "doppelten" merles) unberechtigt oft als Qualzucht bezeichnet. Erstere sind aber nachweislich pathologisch in keinster Weise eingeschränkt und hüten beziehungsweise arbeiten ebenso erfolgreich wie ihre schwarz-weissen Rasseangehörige.
Aus veterinärmedizinischer Sicht jedenfalls hält die Farbe merle den Vergleich zu Qualzuchten wie beispielsweise die
- berühmten offenen Frontanellen (offene Schädeldecken der Chihuahuas,
- verkürzte 'Atemwege bei manchen Hunderassen,
- Fellverlust mancher Nackthunderassen
nicht stand.
"Einfache" und "doppelte" merles erkennen
Eine eindeutige phänotypische Unterscheidung von "einfachen" merles und double-merles ist - allen Gerüchten zu trotz- für jede geschulte Person jederzeit möglich. Dies trifft im übrigen auf ALLE co-dominanten Erbgängen aufgrund deren Vererbungsschemas zu.
Ein prominentes Beispiel hierfür wäre das "mack snow"-Gen bei Leopardgeckos (eublepharis macularius): Tiere mit einer Kopie des Gens zeigen lediglich eine schwache Aufhellung, bei Tieren mit zwei Kopien fehlen außer schwarz und weiß sämtliche Pigmente - erst die "double"-Variante blockt bestimmte Pigmente sämtlich.
Auf den Merle bezogen bedeutet es: Tiere mit einer Kopie des Gens, sogenannte "einfache merles" besitzen die charakteristische merle-Färbung mit schwarzen Pigmenten (was sich besonders an Nase und Fell zeigt). Double-merles haben oftmals im Gegensatz zu den einfachen merles über 50% Weißanteil im Fell, zudem fehlen ihnen diese schwarzen Pigmente. Insofern entkräftet dies das vielseits hergebrachte Argument, man könne merle von double-merle nicht unterscheiden und daher gänzlich auf die Zucht mit ihnen verzicht.
Auch beim Phänotyp gibt es verschiedene Stufen und Ausprägung des merle-gens, was sich in den Fellfarben (zartrosa über hellgrau und blaustichig bis zu dunkelgrau), Glanz (hier spielt die Fellstruktur ebenso eine Rolle), Kontrast (stark / schwach) und Sprenkellung (feines Fleckenmuster oder große Sattelflecken) bemerkbar macht.
Merle-Tiere, die das Gen nur einfach tragen, sind laut dieser Studie und laut den Wurfergebnissen der vergangen Jahre genauso gesund wie jeder Hund in einer anderen Farbe auch - ein Blick in die Zuchtbücher verrät schnell, dass sich dies in den letzten Jahren immer wieder aufs neue bestätigt hat.
DNA-Test für das merle-Gen
Mitterweile existiert sogar ein DNA-Speicheltest für das merle-Gen, der allerdings aufgrund des Verpaarungsverbots für double-merles so gut wie kaum Verwendung findet.
Zuchtmanagement und Genpool
Durch das von den Verbänden und Rassehundezuchtvereinen sorgsam durchdachte, auferlegte und kontrollierte Zuchtmanagement stellt die Farbe merle in heutiger Zeit schon lange kein Problem mehr dar. Hierzu werden entsprechende Kontrollen ausgeführt und bestimmte Zuchtverbote beispielsweise für double-merles ausgesprochen.
Es stellt sich aus genetischer Sicht die Frage, wie stark mit einem kompletten Zuchtverbot aller Merles der ohnehin nicht üppige Genpool der Rasse weiterhin beschnitten wird: Ob hierdurch gleichermaßen auch einige wertvolle oder wichtige Gene ausfallen, kann heutigem Wissenstand nicht annähernd beurteilt aber zumindest vermutet werden.
Siehe auch
- Fellfarben
- Deckrüde
- Zuchthündin
- Zuchtwert
- Pedigree
- Rasse
- Geschichte
- Gesundheit
- International Sheep Dog Society (ISDS)
- Merle
- Merle-Gen
Literatur
- D. Dausch, W. Wegner, W. Michaelis und I. Reetz; Graefe's Archive for Clinical and Experimental Ophthalmology, Volume 206, Number 2, S. / June, 1978; Augenveränderungen beim Merlesyndrom des Hundes; Berlin, Heidelberg: Springer ; ISSN 0721-832X (Print) 1435-702X (Online)
- Rainer Brinks; 2001; Defektgen Merle-Faktor; http://www.hundezeitung.de/hundekunde/merle.html
- Leigh Anne Clark, Jacquelyn M. Wahl, Christine A. Rees und Keith E. Murphy: Retrotransposon insertion in SILV is responsible for merle patterning of the domestic dog, S. 1376–1381
- BMVEL; Gutachten zur Auslegung von §11 des Tierschutzgesetzes (Verbot von Qualzuchten)
Weblinks
- Artikel Merle-Faktor auf Wikipedia.de
- Artikel Border Collie Farben von Clan Alba
- www.bordercolliecolors.com
- International Sheep Dog Society (ISDS)
- TENSET - Englisches Software-Haus (Pedigree-Erstellung, Weitergabe von Farbmerkmalen, Prüfung von Inzuchtmerkmalen